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Jochen Gerz




Jochen Gerz: Die Radikale Demokratisierung der Kunst

 

Der Konzept- und Aktionskünstler Jochen Gerz zeichnet sich durch einen radikalen, kompromisslosen Umgang mit seiner Kunst in Bezug auf den Rezipienten aus. In seiner künstlerischen Philosophie existiert der passive Betrachter nicht: Gerz meidet ganz bewusst Begriffe wie „Publikum“ oder „Zuschauer“. Stattdessen fordert er die Menschen direkt auf, als gleichberechtigte Mit-Autoren und aktive Akteure an seinen komplexen Installationen sowie seinen politisch-sozialen Projekten im öffentlichen Raum zu partizipieren. Kunst ist für ihn kein statisches Objekt an einer Museumswand, sondern ein lebendiger, gesellschaftlicher Prozess.

 

Ein herausragendes Beispiel für diese partizipatorische Ästhetik war das visionäre Großprojekt „2-3 Straßen“, das im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 realisiert wurde. Für dieses ambitionierte Langzeitexperiment lud Gerz kreative Menschen aus aller Welt ein, ein Jahr lang mietfrei in leerstehenden Wohnungen in drei für das Revier typischen Straßen in Duisburg (Sankt-Johann-Straße), Dortmund (Oesterholzstraße) und Mülheim an der Ruhr zu leben. Gemeinsam mit den alteingesessenen Anwohnern wurden die neuen Mieter zu Autoren eines kollektiven Textes. Über ein ganzes Jahr hinweg dokumentierten sie das alltägliche Leben und veränderten durch ihre reine Präsenz und Interaktion die soziale Struktur des urbanen Raums – ein monumentales Kunstwerk, das schließlich in einem rund 3.000 Seiten starken Buch mündete.

 

Während des Entstehungsprozesses von „2-3 Straßen“ bot sich die seltene Gelegenheit, dass Ralph Goertz den Ausnahmekünstler intensiv mit der Kamera begleiten durfte. In einem weitreichenden, intimen Interview erläutert Jochen Gerz fundiert seine Idee der radikalen Demokratisierung der Kunst. Er reflektiert darin jedoch nicht nur die Gegenwart des Ruhrgebiets, sondern zieht auch biografische Linien zu seinen prägenden Lebensstationen der Vergangenheit. Er berichtet von den künstlerischen Impulsen seiner Zeit in London und Basel, und spricht vor allem über Paris, wo er ab 1966 jahrzehntelang lebte und von wo aus er seine international einflussreichen Strategien der Konzeptkunst entwickelte.

 

Dieses filmische Dokument fängt die tiefe intellektuelle Schärfe und menschliche Wärme eines Künstlers ein, der die Autorenschaft der Kunst der Gesellschaft zurückgegeben hat.

 

Foto: Ralph Goertz © IKS-Medienarchiv

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