John Myers
Das Konzept des Unspektakulären und die Poetik des Alltags im Werk von John Myers
Der britische Fotograf und Maler John Myers (geboren 1944 in Bradford) zählt zu den prägnantesten, obschon über Jahrzehnte hinweg jenseits des Mainstreams agierenden Chronisten der britischen Nachkriegsmoderne. Myers studierte Freie Kunst unter Richard Hamilton an der Newcastle University und lehrte von 1969 bis 2001 Kunstgeschichte und Malerei am Stourbridge College of Art sowie der University of Wolverhampton. Seine fotografische Kernphase erstreckte sich über einen relativ kurzen, aber konzeptionell hochverdichteten Zeitraum zwischen 1972 und 1979 in Stourbridge, einer Kleinstadt in den West Midlands.
Im Gegensatz zu zeitgenössischen Vertretern der sozialkritischen Dokumentarfotografie, die sich primär auf politische Konflikte oder dramatische soziale Missstände fokussierten, widmete sich Myers einer Ästhetik des „Unspektakulären“. Seine Arbeiten fangen die unaufgeregte Wirklichkeit der britischen Mittelschicht und Vorstadtkultur („Middle England“) in nüchternen, sachlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit einer analogen 5x4-Großformatkamera ein. Zwei seiner bedeutendsten Werkgruppen aus dieser Epoche sind die Serien „Portrait“ und „TV“.
Die Serie „The Portraits“
In seiner Porträtserie, die über den gesamten Verlauf der 1970er-Jahre hinweg entstand, lichtete Myers Nachbarn, Bekannte, Arbeiter und Kinder in ihrer unmittelbaren Lebens- und Arbeitsumwelt ab – in Wohnzimmern, Hinterhöfen oder Verkaufsräumen. Die Aufnahmen verzichten bewusst auf visuelle Dramatik oder psychologisierende Inszenierung.
Die Porträtierten blicken meist direkt, distanziert und ungeschönt in die Kamera. Das Spezifikum dieser Serie liegt in ihrer doppelten Funktion als psychologisches Zeitdokument und designgeschichtliche Bestandsaufnahme. Die akribisch abgebildeten Interieurs – dominiert von geometrisch gemusterten Tapeten, klobigen Velourssofas und Nippes aus Glas – spiegeln das kollektive Selbstverständnis und die Ästhetik der britischen Suburbia jener Epoche wider. Kritiker vergleichen die formale Strenge und unvoreingenommene Nüchternheit seiner Porträts oft mit dem Werk von Diane Arbus.
Die Serie „The Ten Televisions“ (1973)
Die im Jahr 1973 realisierte Serie, oft als „The Ten Televisions“ geführt, gilt als wegweisendes Beispiel für Myers’ visuelles Prinzip des „Looking at the Overlooked“ (Das Übersehene betrachten). Myers fotografierte hierzu zehn herkömmliche Fernsehgeräte in den Wohnzimmern unterschiedlicher Haushalte.
Die Konzeption der Serie bricht radikal mit der eigentlichen Funktion des Mediums: Die Apparate sind ausgeschaltet. Anstelle von flimmernden Bildern der kathodischen Bildröhre zeigt die leblose, dunkle Mattscheibe lediglich die matten Reflexionen des gegenüberliegenden Fensters oder des Raumes. Der Fernseher verliert dadurch seine mediale Omnipotenz und wird im Sinne eines klassischen Stilllebens zu einem banalen, skulpturalen Möbelstück innerhalb des häuslichen Interieurs degradiert. Die Serie fungiert somit als frühe medienkritische und konzeptionelle Reflexion über die Allgegenwart und gleichzeitige materielle Banalität von Technologie im privaten Raum.
Originalprints in der Sammlung des IKS
Das IKS verfügt auch über ein 30minütiges Film-Interview mit Myers, das Ralph Goertz während seines Besuchs 2019 in Stourbridge geführt hat.

John Myers, Stourbridge, 2019 © IKS-Medienarchiv

